Einstellung gegenüber Nichtjuden

Frage:

Hallo.

Ich komme aus Italien. Ich habe das Christentum vor langer Zeit verlassen und jetzt bin ich ein strenger Monotheist und versuche, die Sieben Noachidischen Gebote zu befolgen. Ich danke Gott jeden Tag, dass Er das jüdische Volk ausgewählt hat, um Licht den anderen Völkern zu bringen, und ich finde die Arbeit von Brit Olam sehr wichtig.

Gestern habe ich jedoch etwas gelesen, das mich beunruhigt hat. Auf einer jüdisch-orthodoxen Website haben Rabbiner einen Artikel über die Halacha geschrieben, welche besagt, dass Juden den Gojim (Nichtjuden) keine Geschenke machen dürfen und ihnen im Falle einer Gefahr nicht helfen dürfen, und es sogar verboten ist, ihnen schöne Dinge zu sagen, selbst wenn die Nichtjuden keine Götzendiener sind. Nach diesem Artikel kann ein solches Verbot nur dann aufgehoben werden, wenn die Gefahr besteht, dass das Verhalten eines Juden Antisemitismus auslöst oder zur Entweihung des Namens Gottes führt. Ich glaube, dass dieser Ansatz unmoralisch und heuchlerisch ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich eine strenge halachische Regelung lese, aber in diesem Fall bin ich wirklich traurig. Ich fragte mich: Wie kann ich ein Volk unterstützen, welches mich (einen Goi) nicht als Mensch ansieht? Ich kann nicht glauben, dass dies wirklich wahr ist und bitte, dass Sie mir die Halacha erklären.

Luigi

 

Antwort von Rabbi Yeshayahu Hollander:

Schalom, lieber Luigi.

Ihre Gefühle in Bezug auf den Artikel, den Sie gelesen haben, sind vollkommen berechtigt. Was Sie im Artikel gelesen haben, ist eine Standarddarstellung eines Allgemeinplatzes, und wie es bei den meisten Gemeinplätzen so ist, spiegelt auch diese Darstellung die Wahrheit nicht genau wider. Warum? Zum Beispiel, weil es in der Halacha ein Gebot gibt, einen Nichtjuden, der die Sieben Gebote Noachs befolgt, zu unterstützen.

Was das Verstehen der jüdischen Texte angeht, gibt es gewisse Probleme. Eines davon ist die Übersetzung des Begriffs „Akum“, welcher im Talmud für die Bezeichnung von Nichtjuden fast immer verwendet wird. „Akum“ bedeutet Götzendiener, es ist eine hebräische Abbreviatur für Ovdej Kochawim U-Mazalot, deutsch: „Diener der Sterne und Zeichen“. Der Grund für die häufige Verwendung dieses Wortes ist, dass alle diese Texte in christlichen Ländern veröffentlicht wurden und zensiert worden sind. (In vielen Büchern, die im 18. und 19. Jahrhundert veröffentlicht wurden, ist das Siegel der staatlichen Zensur vorhanden). Um keine Einwände der Zensoren hervorzurufen, wurde das Wort „Nichtjude“, hebr. „Goi“ oder „Nochri“ fast immer durch das Wort „Akum“ ersetzt. Da die Zensurbehörde das Christentum nicht als Götzendienst betrachtete, wurden die Texte mit dem Wort „Akum“ einfacher genehmigt. So gab es vielerorts eine Verwirrung, das die Konzepte „Goi“ und „Akum“, Nichtjude und Götzendiener angeht. Und auch heute glauben leider viele, die sich mit diesen Texten beschäftigen, dass „Akum“ überall einfach „Nichtjude“ bedeuten würde. Das ist aber ein grober Fehler.

Aber wenn man dieses Problem im historischen Kontext betrachtet, ist es verständlich, warum es bis vor kurzem keinen starken Impuls gab, diesen Fehler zu korrigieren. Die ganze Welt war antisemitisch. Nach der Zerstörung des Tempels wurden wir ins Exil vertrieben und mit Gewalt gezwungen, unseren Glauben aufzugeben. Viele Pogrome folgten aufeinander. Dies gipfelte im Holocaust in Europa, währenddessen viele Menschen in den okkupierten Ländern den Deutschen halfen, Juden zu verfolgen und zu vernichten. Viele Länder haben die Einreise der jüdischen Flüchtlinge verweigert und sie nach Deutschland in den sicheren Tod zurückgeschickt. Unter diesen Umständen war das genannte Standardverständnis der Halacha berechtigt und sinnvoll.

Seitdem viele Nichtjuden ihre Einstellung gegenüber Juden änderten, stehen jüdische Gelehrte (wie wir) mit diesen Nichtjuden, welche nicht antisemitisch eingestelt sind, in Verbindung. Sie analysieren die talmudischen Texte, um klarzustellen, welche der Aussagen des Talmud über die Angelegenheiten mit einem „Akum“ nur Götzendiener betreffen und welche sich auf andere Arten von Nichtjuden beziehen. Aber es geht um sehr viele Schriftwerke, und es gibt immer noch wenige von uns, deshalb wird diese Klärung der Begrifflichkeiten nur von Zeit zu Zeit gemacht.

Zum Beispiel: Im Talmud gibt es eine Diskussion darüber, ob man einem Nichtjuden die Torah lehren darf. Rabbi Meir sagt, dass ein Nichtjude, der Torah lernt, dem Kohen Gadol, dem Hohenpriester gleicht. Die anderen sagen aber, dass ein Nichtjude keine Torah lernen darf, und dass es verboten ist, einem Nichtjuden die Torah zu lehren. Bis vor kurzem galt dies als ein halachischer Standard. Aber Rabbi Joseph Schalom Elyashiv, die führende Autorität unserer Zeit bei Fragen zur Halacha, der 2012 gestorben ist, hat die Entscheidung getroffen, dass es erlaubt ist, Nichtjuden Torah zu lehren. Diese Entscheidung ist noch nicht weit bekannt, wahrscheinlich, weil wenige Juden sich mit diesem Thema beschäftigen.

Bitte schicken Sie uns den Link zu dem Artikel, welchen Sie gelesen haben. Hoffentlich werden wir nach dem Lesen dieses Artikels seinen Autoren die Unterschiede zwischen einem Nichtjuden und einem Götzendiener erklären können.

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