Parascha Re’eh: In jedem Fall die Kinder Gottes

In einem der Verse unseres Wochenabschnittes (Deut. 11,26 – 16,17) wird gesagt: „Kinder seid ihr des Ewigen eures Gottes“ (Deut. 14,1). Es ist eine grosse Ehre, als Volk die Kinder des Ewigen genannt zu werden: „Mein erstgeborener Sohn ist Israel“ (Ex. 4,22). Mit dieser Ehre ist aber auch ein spezieller Aufwand verbunden. Was passiert, wenn Israel sich nicht so benimmt, wie es von Kindern Gottes erwartet wird?

Die Meinungen unserer Weisen zu diesem Thema gehen auseinander (Babylonischer Talmud, Kiddushin 36a): Rabbi Yehuda sagt: Wenn sie sich wie seine Kinder benehmen, werden sie seine Kinder genannt, wenn nicht, werden sie nicht seine Kinder genannt. Rabbi Meir sagt: Sie werden in jedem Fall seine Kinder genannt. Rabbi Meir stützt sich auf Stellen in mehreren Versen, wie „entartete Kinder“ (Jes. 4,1), wo Personen mit vielen Fehlern immer noch Kinder genannt werden, „Kinder, in denen keine Treue ist“ (Deut. 32,20), wo Personen ohne Glauben immer noch Kinder sind, oder auch: „anstatt dass man sie genannt: Lo Ammi (nicht mein Volk) […] nennt man sie: Söhne des lebendigen Gottes“ (Hos. 2,1).

Die Meinung von Rabbi Meir wird durch viele Verse unterstützt. So gibt es hier, obwohl die Lehren von Rabbi Yehuda grundsätzlich stärker gewichtet werden als die von Rabbi Meir, eine Ausnahme zu dieser Regel. Hier wurde das Gesetz aufgrund der Meinung von Rabbi Meir entschieden. Aus diesem Grund fährt der Talmud auch weiter fort mit seinen Worten, da sie in diesem Fall die Halacha bilden, genauso wie die Responsa (194,242) von Rashba (Spanien, 13. Jahrhundert): Er wurde gefragt: „Macht ein abgefallener Jude, der gestorben ist, ein Zelt unrein?“ Der Hintergrund der Frage ist, dass ein verstorbener Jude ein Zelt und alles, was sich darin befindet, unrein macht, während ein Verstorbener eines anderen Volkes die Unreinheit nur durch direkten Kontakt überträgt.

Die eigentliche Frage ist also: Hört ein abgefallener Jude auf, jüdisch zu sein? Die Fragesteller begründen diese Ansicht damit, dass man einem abgefallenen Juden Zinsen berechnen darf (wie einem Nichtjuden, Anm. d. Übers.) und man seinen Wein als Götzendienerwein ansieht. Die Antwort des Rashba ist, dass diese Person das Zelt genau wie jeder andere Jude unrein macht. Dass man dem abgefallenen Juden Zinsen berechnen darf, liegt daran, dass es in dieser Sache heisst, man dürfe sie „einem Bruder“ nicht erheben, und in diesem Fall hat er seine Bruderschaft verspielt. Bei der Unreinheit geht es aber nicht um Brüderlichkeit, sondern um die besondere Liebe Gottes zu Israel, dem Volk, das gemäss Rabbi Meir „in jedem Fall“ seine Kinder genannt wird.

Unter Juden gibt es die Tendenz, die Flucht vor dieser Auserwählung zu versuchen. Ein kürzlich veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Wie und wann ich mich dazu entschieden habe, nicht mehr jüdisch zu sein“ zeugt paradoxerweise von der Kraft, die das Judentum auf den Autor ausübt.

Das bisher Gesagte bedeutet auf keinen Fall, dass Rabbi Yehuda der Meinung war, die Auserwählung würde von einem Volk auf das andere springen! Es wäre wahnwitzig zu glauben, Rabbi Yehuda habe sich mit christlichen Grundlagen einverstanden erklärt! Seine Meinung ist, dass ein Einzelner zwar seine Kindschaft Gottes verlieren kann, die ganze Nation aber nie.

Dies ist die Grundlage der ewigen Auserwählung des Volkes Israel, wie sie von Rav Kook in seinen Briefen (555) geschildert wird, namentlich dass die Heiligkeit Israels aus zwei Komponenten besteht, der Heiligkeit der kollektiven Auserwählung und der Heiligkeit des freien Willens jeder Person. Die Heiligkeit aus der Auserwählung kann nie ausgelöscht werden, aber ihre Offenbarung hängt vom freien Willen jedes Einzelnen ab. Wenn sich jemand dazu entschliesst, sich in Heiligkeit und Reinheit zu bewegen, werden die ewige und die natürliche Heiligkeit durch ihn gleichzeitig offenbar.

 

Uebersetzt aus dem Franzoesischen von Th. Thurnheer

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Über Rabbi Oury Cherki

Rabbi Oury Cherki
Rabbi Uri Scherki wurde 1959 in Algerien geboren und wuchs in Frankreich auf. 1972 immigrierte er nach Israel. Er studierte an der Merkaz HaRav Yeshiva, welche von Rav Avraham Yitzchak Kook gegründet wurde. Seinen Militärdienst absolvierte er in der Artillerie des IDF. Er lernte mit den Rabbinern Rav Tzvi Yehuda Kook, Rav Yehuda Leon Ashkenazi (Manitou), Rav Shlomo Binyamin und Achlag. Rav Scherki ist der Leiter der israelischen Abteilung von Machon Meir und der Direktor von Brit Olam. Er unterrichtet an verschiedenen Orten in Israel. Des Weiteren leitet er die Beit Yehuda Gemeinde in Kiryat Mosche (Jerusalem) und er schrieb zahlreiche Bücher über Jüdisches Denken und Philosophie.

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