Parascha Ekew – Verdient oder nicht ?

Kommentar zum Torah-Abschnitt ‚Ekew‘ (Deut. 7,12 – 11,25) der an kommendem Schabbat (4.8.18) gelesen wird…

Die Eroberung des Landes Israel hängt nicht vom persönlichen Verdienst der Eroberer ab. Dies lesen
wir diese Woche: „Nicht um dein Verdienst und die Aufrichtigkeit deines Herzens bist du dahin
gelangt, ihr Land einzunehmen“ (Deut. 9,5). Doch wenn es tatsächlich so war, können auch die
Gräueltaten der vorherigen Einwohner keine Rolle gespielt haben, denn wenn das persönliche
Verhalten nicht zählt, ist die Boshaftigkeit weder ein Vorteil noch ein Nachteil. Wieso heisst es also im
gleichen Vers: „um die Ruchlosigkeit dieser Völker treibt sie der Ewige dein Gott vor dir aus“? Die
Begründung: „auf dass er aufrecht halte das Wort, das der Ewige deinen Vätern, Abraham, Isaak und
Jakob geschworen (hat)“, bringt leider auch nicht viel mehr Klarheit. Wenn die Patriarchen gerecht
waren, und ihnen aus diesem Grund das Land versprochen wurde, wie kann es dann sein, dass von
ihren Nachfolgern nicht einmal ein Minimum an Rechtschaffenheit verlangt wird, um dieses
Versprechen in Erfüllung gehen zu lassen?

Um dies alles zu verstehen, müssen wir zwei Dinge unterscheiden: Die Einnahme des Landes und das fortwährende Bewohnen des Landes.

Die Eroberung des Landes hängt nicht von den Verdiensten ab. Aber um weiter dort leben
zu können, muss man gerecht sein.

Dies erklärt, wieso unmoralische Einwohner eine entscheidende Rolle bei der Eroberung des Landes
spielen.
Aber wenn die Eroberung nicht von den Verdiensten abhängt, wovon dann? Worauf beruht das
Versprechen an die Väter?

Die Antwort gibt uns der Prophet Jeremia (27,5): „Ich habe gemacht die Erde […] und habe sie dem
gegeben, der recht schien in meinen Augen“. Auch Raschi gibt uns in seinem berühmten
Kommentar zum ersten Vers der Torah diese Erklärung: „Die ganze Erde gehört dem Heiligen, gelobt
sei Er, Er hat sie erschaffen und dem gegeben, der gerecht ist in Seinen Augen“. Entscheidend sind
also zwei Dinge:

a) Die Gerechtigkeit als moralisches Kriterium

b) Gerechtigkeit in den Augen des Ewigen, und nicht Gerechtigkeit auf den ersten Blick .

Ein Volk mit steifem Nacken
Die geforderte Gerechtigkeit kommt von innen und unterscheidet sich davon, wie „dein Verdienst
und die Aufrichtigkeit deines Herzens“ gängig verstanden wird. Es handelt sich um eine
Gerechtigkeit, die die ganze Persönlichkeit ausmacht und die für die Eroberer des Landes und auch
für die Generation der Gründerväter des Staates Israel so charakteristisch ist. Ein Volk, dass zwar
„steifnackig“ ist, sich aber die Erfüllung des Versprechens an die Vorväter trotz allem verdient hat.

Laut dem Maharal von Prag ist ein steifer Nacken ein Merkmal von positivem Charakter,
Wahrheitsliebe und Gerechtigkeit. Wer einen steifen Nacken hat, ist nicht bereit, seine
Lebenseinstellung ohne eine klare, gescheite und moralische Vision zu ändern. Deshalb ist die Teshuva (Busse tun) etwas, was diesen Personen nicht leicht fällt. Wird sie aber vollzogen, steht sie auf festem Fundament..

Absolute Gerechtigkeit
Die Gerechtigkeit der Seele, die wir „Segula“ nennen, ist eine Eigenschaft des Volkes Israel. Sie ist
die tief in der Seele verwurzelte Überzeugung, dass die Welt durch Gerechtigkeit regiert werden
muss. Diese Überzeugung drückt sich in den Entbehrungen der Soldaten aus, die für Israel in den
Krieg ziehen und unsere Ethik im Kampf gegen die christliche und islamische Halbmoral auf die
Probe stellen. Im Gegensatz dazu beruht unsere Moral auf jenem Zusammenspiel von Gerechtigkeit
und Güte, die das Erbe unserer Patriarchen ist: „dass sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun
Gebühr und Recht – damit der Ewige kommen lasse auf Abraham, was er über ihn ausgesprochen
hat“ (Genesis 18,19).

Shabbat Shalom den Kindern Noahs auf der ganzen Welt

Uri Cherky

 

Uebersetzt aus dem Franzoesischen: Th. Thurnheer

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Über Rabbi Oury Cherki

Rabbi Oury Cherki
Rabbi Uri Scherki wurde 1959 in Algerien geboren und wuchs in Frankreich auf. 1972 immigrierte er nach Israel. Er studierte an der Merkaz HaRav Yeshiva, welche von Rav Avraham Yitzchak Kook gegründet wurde. Seinen Militärdienst absolvierte er in der Artillerie des IDF. Er lernte mit den Rabbinern Rav Tzvi Yehuda Kook, Rav Yehuda Leon Ashkenazi (Manitou), Rav Shlomo Binyamin und Achlag. Rav Scherki ist der Leiter der israelischen Abteilung von Machon Meir und der Direktor von Brit Olam. Er unterrichtet an verschiedenen Orten in Israel. Des Weiteren leitet er die Beit Yehuda Gemeinde in Kiryat Mosche (Jerusalem) und er schrieb zahlreiche Bücher über Jüdisches Denken und Philosophie.

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