Parascha Waetchanan: Liebe und Glauben

Nach dem Vers mit dem Glaubensbekenntnis („Schma“): „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein
einiges ewiges Wesen“ (Deut. 6,4) fährt die Thora fort: „Und du sollst lieben den Ewigen
deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, und mit deiner ganzen Seele, und mit deinem
ganzen Vermögen“ (Deut. 6,5). Diese Formulierung unterscheidet sich vom zweiten
Absatz beim Aufsagen des Schma: „Und es wird geschehen, so ihr höret auf meine
Gebote, die ich euch heute gebiete, den Ewigen euren Gott zu lieben und ihm zu dienen
mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele, so werde ich den Regen eures Landes
geben zu seiner Zeit …“ (Deut. 11,13-14). Hier wird jedem, der dem Ewigen mit Liebe
dient, eine Belohnung versprochen. Noch im ersten Absatz steht das „Und du sollst
lieben“ aber für sich allein und hat seine Bedeutung, ohne dass ein allgemeiner Lohn in
Aussicht gestellt wird.

Liebe und Glaube sind zwei Wege, dem Ewigen zu dienen. Auf dem ersten Weg dient
man Gott, weil er der Ewige, unser Gott, das einige ewige Wesen ist. In diesem Fall
ergibt sich das „Und du sollst lieben den Ewigen deinen Gott“ selbstverständlich aus der
Kenntnisnahme von „Höre Israel“. Deshalb fährt die Thora auch fort: „mit deinem
ganzen Herzen, und mit deiner ganzen Seele, und mit deinem ganzen Vermögen“. Denn
„mit all deiner Kraft, auch wenn er dein Gut von dir nimmt“, wie es im Jerusalemer
Talmud ausgedrückt wird (Berakhot 5,9), soll der Mensch bereit sein, sein Hab und Gut
für die Liebe des Ewigen aufzugeben.

Der zweite Weg, dem Ewigen zu dienen, berücksichtigt die Schwäche des Menschen, der
dem Ewigen zwar mit Liebe, aber doch in Erwartung einer Belohnung dient. Die Thora
kann in diesem Fall nicht den Satz: „mit deinem ganzen Vermögen“ beifügen, sie gibt
sich mit „deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele“ zufrieden. Denn hier
besteht die Hoffnung des Menschen im Gegenteil darin, seinen Reichtum zu vergrössern,
und nicht ihn zu opfern.

Ein weiterer Unterschied zwischen diesen beiden Wegen, Gott mit Liebe zu dienen, ist
das Verhalten eines Menschen in seinem Umfeld. Hier ermahnen uns unsere Weisen über
den Vers „Und du sollst lieben den Ewigen deinen Gott“: „Bringe die Liebenswürdigkeit
zu den Geschöpfen zurück, wie es dein Patriarch Abraham getan hat“. Die Erkenntnis,
dass Gott ein einiges ewiges Wesen ist, erzeugt eine innere Ausstrahlung, die seine
Geschöpfe dazu bringt, Gott zu lieben, so dass jeder, der so jemanden trifft, über ihn
sagt: „Was ist dieser Schüler der Thora nur für eine angenehme Person. Was für ein
angenehmer Diener Gottes!“. Und so kommt es dazu, dass alle Lust bekommen, Gott zu
dienen.

Es wird hingegen von jemandem, der Gott aus Eigeninteresse dient, nicht gesagt
werden, dass er um sich herum besonders viel Gottesliebe erweckt, sondern nur, dass er
seine Belohnung erhalten wird: „dass du einsammelst dein Getreide und deinen Most und
dein Öl“ (Deut. 11, 14). Es gibt keinen Grund, warum andere Geschöpfe Gottes sich
durch ihn zur liebenden Bindung an Gott bewegt sehen sollten.

„Und du sollst lieben den Ewigen deinen Gott“ ist eine der Quellen des Gebots, auch
Fremde unter die Flügel der Vorsehung zu versammeln. Von einem Fremden wird gesagt:
„Und du sollst lieben den Fremdling“ (veahavta et..) genauso wie von Gott gesagt
wird: „Und du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott (veahavta et..), während es von
der Nächstenliebe innerhalb des Volkes Israel heisst: „Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst“ (veahavta le..). Der Grund für diesen Unterschied, erklärt der Rambam in seinen
Briefen, ist, dass die Nächstenliebe im Volk Israel nicht unparteiisch ist. Zwei Menschen
sind in der gleichen Familie aufgewachsen und sind Kinder des gleichen Volkes. Die Liebe
zwischen ihnen ist natürlich. Dies ist nicht der Fall bei der Fremdenliebe, die nur von
der Gottesliebe kommt, und nicht auf Vertrautheit beruht. Die Liebe gegenüber einem
Fremden ist einzigartig, da sie Ausdruck einer uneigennützigen Gottesliebe ist.

Schabbat Schalom allen Kindern Noahs

Uri Cherky

 

Uebersetzt aus dem Franzoesischen: Th. Thurnheer

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Über Rabbi Oury Cherki

Rabbi Oury Cherki
Rabbi Uri Scherki wurde 1959 in Algerien geboren und wuchs in Frankreich auf. 1972 immigrierte er nach Israel. Er studierte an der Merkaz HaRav Yeshiva, welche von Rav Avraham Yitzchak Kook gegründet wurde. Seinen Militärdienst absolvierte er in der Artillerie des IDF. Er lernte mit den Rabbinern Rav Tzvi Yehuda Kook, Rav Yehuda Leon Ashkenazi (Manitou), Rav Shlomo Binyamin und Achlag. Rav Scherki ist der Leiter der israelischen Abteilung von Machon Meir und der Direktor von Brit Olam. Er unterrichtet an verschiedenen Orten in Israel. Des Weiteren leitet er die Beit Yehuda Gemeinde in Kiryat Mosche (Jerusalem) und er schrieb zahlreiche Bücher über Jüdisches Denken und Philosophie.

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