Das Heilige und das Profane in der Rückkehr Israels

Die nationale Wiederbelebung des Volkes Israel, wovon die zionistische Bewegung und der Staat
Israel die konkreten Zeichen sind, geschieht auf verschiedenen Ebenen, die man in zwei
Kategorien aufteilen kann: Die Wiederbelebung des Weltlichen und die Wiederbelebung des
Heiligen.

Die Wiederbelebung des Weltlichen beinhaltet die Rückkehr zum Tagesgeschäft in allen
Bereichen, die das Volk Israel während seines bitteren Exils entbehren musste, namentlich
Politik, Wirtschaft, Armee und auch Kunst und Kultur. Zu Beginn der zionistischen Bewegung
wehrten sich die religiösen Mitglieder der weltweiten Organisation dagegen, dass die Diskussion
auch kulturelle und religiöse Themen umfassen sollte, da sie unnötige Spannungen
befürchteten, die das Erreichen des politischen Ziels nur verzögern würden: Die Gründung eines
Staates. Dagegen erklärte Rav Kook, eine authentische nationale Wiederbelebung mache im
Gegenteil keinen Sinn, ohne auch das kulturelle Element miteinzubeziehen, so dass es
unabdingbar sei, auch über diese Themen zu diskutieren, trotz der sich notwendigerweise
ergebenden Streitigkeiten um die Richtungsbestimmung (Epistel 158).

Was ist die Wiederbelebung des Heiligen? Man hätte denken können, es handle sich um die
Rückkehr der Religiosität in ihrer antiken Form, die für das geistige Schicksal und die
Glückseligkeit der zur Nation gehörenden Menschen so bedeutend ist, die Umkehr (Teshuva)
also der säkularen Bevölkerung zur Thora. Während es ganz klar ist, dass es wünschenswert und
sogar überlebenswichtig wäre, dass sich alle Juden an die Thora halten, ist dies nicht das,
worum es bei der Wiederbelebung des Heiligen geht. Das Heilige ohne das Weltliche ist
schwach, es ist nicht dazu in der Lage, das Leben der Gesellschaft und der Menschheit als
Ganzes auf eine höhere Stufe zu heben. Denn im Weltlichen selbst liegt eine nicht zu
unterschätzende Heiligkeit, die „Heiligkeit der Natur“, die sich in der Zeit des Exils nicht zeigen
konnte und erst zur Zeit der Erlösung (Geula) vollständig offenbar werden wird.

Die Konsequenz davon ist, dass die Wiederbelebung des Weltlichen diejenige des Heiligen nicht
nur vorbereitet, sondern diese schon selbst ist! Wenn man den Wert des normalen täglichen
Lebens ignoriert, wie dies gewisse Kreise tun, die sich vollständig dem Heiligen hingeben, und
versucht ist, die Unterstützung der zionistischen Idee als einen gefährlichen Akt mit
weitreichenden geistigen Konsequenzen zu sehen, und deshalb die religiöse Abschottung
unterstützt, ist dies genau die Einstellung, die der Heiligkeit schadet, denn sie kann ohne die
Kraft ihrer Verbindung mit dem Alltäglichen nicht bestehen.

„In religiösen Kreisen hingegen beobachten wir (anders als beim langsamen Verschwinden des
Heiligen in säkularen akademischen Kreisen) eine Schwächung des Heiligen aufgrund des Fehlens von alltäglichen Einflüssen… wir rufen dazu auf, unser Programm der spirituellen Einheit
zu enthüllen, das unser einzigartiges Geheimnis ist und nie in einer anderen Nation enthüllt
werden kann“ (wie oben, 748).

Die religiöse Heiligkeit, von Rav Kook die „normale“ Heiligkeit genannt, ist nur eine der
Erscheinungsformen des Heiligen. Das Heilige wirkt in allen Bereichen unseres Lebens und kann
nur dann in seiner wahren Grösse erscheinen, wenn alle Eigenarten des Volkes Israel vereint
sind und sich Religiöse, Nationalisten und Kosmopoliten zusammenschliessen. Hierin liegt die
Aufgabe der Generation der Rückkehrer.

 

Autor: Rabbi Oury Cherki

Uebersetzt aus dem Franzoesischen: Th. Thurnheer

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Über Rabbi Oury Cherki

Rabbi Oury Cherki
1959 in Algerien geboren, wuchs er in Frankreich auf und wanderte 1972 nach Israel aus. Er studierte Torah bei unserem Lehrer und Rabbiner Rabbi Zvi Yehuda HaCohen Kook s.A. und seinen Schülern, bei Rabbi Yehuda Leon Ashkenazi ("Manitou") s.A. und Rabbi Shlomo Binyamin Ashlag s.A.. Rabbi Cherki leitet die israelische Abteilung des Machon Meir, das „Meir Zentrum für jüdische Studien in Französisch" (CMEJ) und das Noachidische Weltzentrum. Er versieht auch den heiligen Dienst als Rabbiner der Gemeinde "Beit Yehuda" in Kiryat Moshe, Jerusalem.

Ein Kommentar

  1. Adalbert J Osterried

    Dieser Haltung sollten sich die Noahiden auch anschliessen, um das Heilige in das Alltägliche zu füllen und das Heilige aufgipfeln zu lassen in den grossen Gottesdienst.

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