Haftara Matot-Mase – Der Zusammenhalt Israels

Jeden Sabbat wird in den Synagogen nach dem Vorlesen des jeweiligen Torah-Abschnittes ein kurzer Abschnitt aus den Propheten vorgelesen. Dieser Abschnitt wird Haftara genannt und steht in Zusammenhang mit dem jeweiligen Torah-Abschnitt oder mit Festen/Ereignissen, die in der jeweiligen Woche aktuell sind. 

Die aktuelle Haftara, die zweite der ‚Drei Wochen‘, wo wir der Zerstoerung des Tempels und anderer schlimmer Ereignissse in der Geschichte der Juden gedenken, ist Jeremia 2, 4-28. Hier einige Gedanken dazu.

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Die Zerstörung des Tempels kann nicht von den Fehlern Israels herrühren, denn die Zerstörung des
Tempels und das Exil sind „Ereignisse von Bedeutung“…
Der Maharal von Prag (Netsa’h Israel Kap. 2) erklärt, dass der Grund für die Zerstörung des Tempels
nicht die Fehler des Volkes Israel sein können, da die Zerstörung des Tempels und das Exil
„Ereignisse von Bedeutung“ sind, und bedeutende Ereignisse nicht Gegenstand des Zufalls
sein können. Die Fehler sind unwesentlich, denn die Natur des Menschen im Allgemeinen (und
insbesondere die Israels) ist gut, und Verfehlungen können daran nichts ändern.
Die Gründe müssen also in einem roten Faden durch die Geschichte gesucht werden, der bereits bei
den Bündnissen Abrahams beginnt.
Dies bedeutet aber nicht, dass Fehler nicht auch eine Rolle spielen. Die häufigen Verfehlungen sind
mit ein Grund für das Exil. Sie können die Zerstörung des Tempels und des Königreichs aber nicht
ausreichend erklären, denn der einzelne Sünder hätte auch ohne die Zerstörung des ganzen
Staatswesens für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden können.
Zum Exil kommt es erst, als die Gesellschaft mit allen ihren Institutionen so weit
verkommt, dass die Existenz des Staates zu nichts als weiterem Verfall mehr führen
kann.
Die hebräische Gesellschaft bestand damals aus vier Organen: König (das eigentliche
Führungsorgan), Richter (Führung im Hinblick auf die Thora), Priester (rituelle Führung) und
Propheten (moralische Führung). Die Anfangsbuchstaben ergeben das Akronym Mischkan,
Heiligtum. Der Prophet Jeremia verkündet (2,8): „Die Priester sprachen nicht: Wo ist der Ewige? Und
die Handhaber des Gesetzes wussten nichts von mir, und die Hirten fielen von mir ab, und die
Propheten weissagten im Namen des Baal, und folgten denen, die nicht frommen“. Wäre nur eine
dieser Institutionen untadelig geblieben, hätte man noch Hoffnung haben dürfen. Aber
jetzt wird Jeremia, der einzige noch verbleibende Prophet, vom König verfolgt.
Die Frage des Propheten (2,11): “Hat ein Volk Götter getauscht, die doch keine Götter sind? Und
mein Volk hat seine Herrlichkeit getauscht, um das, was nicht frommt“ fordert eine Antwort. Diese
findet sich in dem Vergleich, zu dem der Prophet zuvor aufruft: (2,10): “[…] Ziehet hinüber in die
Eilande der Kittijim und schauet, und nach Kedar sendet und habet wohl acht“. Der Talmud erklärt,
dass die kittimitischen Inselbewohner das Feuer anbeteten und die Wüstenbewohner von Kedar das
Wasser.
Der Grund dafür ist, dass jedes Volk auf das Podest hebt, was ihm fehlt. Dies trifft auch auf
die christlichen Völker Europas zu, die aufgrund der kollektiven Tendenz zum Blutvergiessen im
römischen Reich eine für die Liebe eintretende Religion angenommen haben. Oder auf orientalische
Völker, die sich, zu Diebstahl und Unzucht neigend, eine Religion der Strenge angeeignet haben.
Schliesslich ist auch Israel keine Ausnahme von der Regel. Da man einen Hang zu
Meinungsverschiedenheiten hat, schätzt man sehr die Einheit (Manitou beruft sich auf den Maharal von Prag). Wenn die Einheit aufgegeben wird und die Anführer die Einheit Gottes nicht betonen,
bricht das Volk Israel auseinander, was sich dann durch Götzendienst ausdrückt.
Das Exil führt auch zu einem quasi-Götzendienst: „Und [ihr] werdet dort dienen Göttern, dem Werke
von Menschenhänden, Holz und Stein“ (Deut. 4,28). Die Rede ist von der Unterwerfung unter das
Christentum mit der Anbetung des Holzkreuzes und der Unterwerfung unter den Islam mit dem
Umkreisen des Steines von Kaaba. Dies meint Jeremia, wenn er sagt (2,27): „Die zum Holz sprechen:
Du bist mein Vater! Und zum Stein: Du hast mich geboren!“ Die Fortsetzung des Verses: „Denn mir
wenden sie den Nacken zu und nicht das Gesicht“ spielt auf eine Zeit an, in der keine Prophetie
geschieht und in der deshalb die Philosophie auftritt. Und dann, nach dem Holocaust: „Aber in der Zeit
ihres Unglücks sprechen sie: Auf, und errette uns!“
Schabbat Schalom den Kindern Noahs der ganzen Welt
Uri Cherky

 

Uebersetzt aus dem Franzoesischen: Th. Thurnheer

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