Wer hat die Torah weitergegeben?

von Rabbi Uri Scherky

In einem Artikel für den Wochenabschnitt Nitzavim-Vayelech (5. Mose 29,9-31,30) erklärt Rabbi Scherky die unterschiedlichen Rollen von der geschriebenen und der mündlichen Torah und die Verantwortung der geistigen Führer.

Weit bekannt sind die Worte aus Pirkei Avot (Sprüche der Väter 1,1), dass Mose die Torah am Berg Sinai empfangen hat und sie Josua weitergegeben hat.

Im Talmud finden wir jedoch noch eine andere Tradition:

„Wir wurden unterrichtet: Wie wurde die Mischna (mündliche Torah) organisiert? Mose lernte sie direkt von G’tt. Dann kam Aaron hinein und Mose lehrte ihm die Passage. Aaron setzte sich danach an Moses rechte Seite. Seine Söhne kamen herein und Mose unterrichtete sie. Wenn die Söhne hinausgingen, sass Elasar an Moses rechter Seite und Itamar sass zur Linken Aarons. Die Ältesten kamen herein und Mose unterrichtete sie. Die Ältesten gingen hinaus und die ganze Nation kam herein und Mose unterrichtete sie. So hörte Aaron die Passage vier Mal, seine Söhne drei Mal, die Ältesten zwei Mal und das Volk ein Mal. Dann ging Mose und Aaron repetierte was er gelernt hatte. Aaron ging und seine Söhne lehrten das Volk. Sie gingen und die Ältesten lehrten das Volk. So hörte es jeder vier Mal.“ (Eruvin 54b)

Gemäss dieser Beschreibung wurde die Torah durch die Priester und Ältesten weitergegeben, nicht durch Josua.

Eine logische Antwort auf dieses Problem ist das Unterscheiden zwischen zwei Arten von Torah – die geschriebene und die mündliche Torah.

Der Zweck der mündlichen Torah, die Mischna genannt wird, ist, uns die praktischen Dinge zu erklären, wie wir uns verhalten sollen. Dies wird studiert mittels den Techniken der Ableitung von der geschriebenen Torah zur Halacha, und nicht durch das einfache Lesen des Textes. Dieses Studium erfordert eine stabile Institution, welche in Zweifelsfällen Entscheidungen treffen kann. Diese Aufgabe haben die Priester und Ältesten. Die geschriebene Torah hingegen lehrt die ethischen Grundsätze der Torah, die auch direkt vom Text abgeleitet werden können, auch wenn sie nicht direkt mit der Halacha in Verbindung stehen. Ein Beispiel ist das Gesetz, das jemanden betrifft, der eines andern Auge zerstört hat. Die geschriebene Torah deutet an, was er im Prinzip verdienen würde, nämlich dass er auch sein Auge verliert, während die mündliche Torah die praktischen Gesetze über das Bezahlen eines solchen Schadens erläutert.

Die Person, die verantwortlich ist, die ethischen Werte der Torah weiterzugeben ist der König, der die Torah liest „damit er lernt, seinen G’tt zu fürchten“ (5. Mose 17,9), und der in der Praxis der geschriebenen Torah folgt indem er das Volk führt. (siehe Natziv, 5. Mose 24,16)

Aus den Ereignissen in diesem Wochenabschnitt ist dies klar ersichtlich. „Und Mose rief Josua und sagte zu ihm: Sei stark und habe Mut, denn du wirst mit dieser Nation zum Land hinaufgehen.“ (5. Mose 31,7) Es scheint, dass Josua nur eine militärische und politische Rolle erhalten hat, und gleich danach steht „Mose schrieb diese Torah auf und gab sie den Priestern, den Söhnen Levi… und allen Ältesten Israels.“ Dies stimmt mit dem oben zitierten Talmud (Eruvin 54b) überein, wo wir sehen, dass Josua nicht an der Weitergabe der Torah von einer Generation zur andern teilnahm. Aber darauf folgend lesen wir „Und Mose gebot ihnen also: Am Ende von sieben Jahren.. lies diese Torah vor ganz Israel“ (31,10-11). Das Gebot zu „lesen“ ist im Singular, nicht im Plural. Das heisst, Mose sprach direkt zu Josua, welcher noch dort bei ihm stand, und welcher die Torah weitergeben würde bei der Zusammenkunft von „Hakhel“ – „so dass sie lernen und ihren G’tt fürchten“ (31,12). Josua hatte also auch die Rolle, die ethischen und moralischen Aspekte der Torah weiterzugeben, wie geschrieben in Pirkei Avot (Sprüche der Väter).

Quelle: „AS SHABBAT APPROACHES“ – a biweekly column in Shabbat b’Shabbato, Nitzavim-Vayelech 5773, Volume 1489 (Zomet Institute) See: www.zomet.org.il/eng

  Please consider donation if you found this content useful. Thanks.

Über Rabbi Oury Cherki

Rabbi Oury Cherki
Rabbi Uri Scherki wurde 1959 in Algerien geboren und wuchs in Frankreich auf. 1972 immigrierte er nach Israel. Er studierte an der Merkaz HaRav Yeshiva, welche von Rav Avraham Yitzchak Kook gegründet wurde. Seinen Militärdienst absolvierte er in der Artillerie des IDF. Er lernte mit den Rabbinern Rav Tzvi Yehuda Kook, Rav Yehuda Leon Ashkenazi (Manitou), Rav Shlomo Binyamin und Achlag. Rav Scherki ist der Leiter der israelischen Abteilung von Machon Meir und der Direktor von Brit Olam. Er unterrichtet an verschiedenen Orten in Israel. Des Weiteren leitet er die Beit Yehuda Gemeinde in Kiryat Mosche (Jerusalem) und er schrieb zahlreiche Bücher über Jüdisches Denken und Philosophie.

Kommentar verfassen